+ Verbildlichte Wissensrepräsentation

Kurzfassung: Info(rmations)grafiken und -als Spezialfälle- die Bildstatistiken sind spezifisch verbildlichte Informationsmedien. In ihren primär grafischen Darstellungen vereinigen sie -von vereinfacht bis komplex- quantitative und qualitativ orientierte Momente von Wissen (bzw. Wissenschaft) und formieren damit ein zur begriffsorientierten Sprache ergänzendes Pendant des Muster- bzw. Bilder’lesens’.

Über die Funktion als ‘Schlagbild-Illustration’ hinausgehend (s.: QUALITÄT VON BILDSTATISTIKEN), sind Infografiken (und BILDSTATISTIK) besondere semiotische Modi medialer Darstellung von Daten, Fakten und (vor allem) deren Zusammenhänge; eben spezifisch ausgezeichnete Informationsmedien. Die Besonderheit besteht gerade in dem Wechselspiel von Bild / Grafik, kognitiver Vorstellung und begrifflichem Denken, jenen für Wissen notwendigen Momenten, um die ‘Differenzierungsarbeit’ von bildlich Erkanntem und das durch das Bild repräsentierte –extramediale– ‘Wirkliche’ leisten zu können. Ob nun derartige grafische Darstellungen tatsächlich einen Informationsgehalt –qualitativ wie quantitativ– aufweisen, auch (Mehr) Wissen ermöglichen, ist in interdependenter Weise von mehreren Faktoren abhängig: Grundsätzlich gilt, dass Information per se nicht voraussetzungslos Wissen(svermittlung) und Erkenntnis(gewinn) leistet (”Bildung, Wissen, Information -drei verschiedene Konstellationen des Geistes… benennen den Wandel des Bildes, das der Geist von sich selbst und der Welt zeichnet …Ausdruck einer bestimmten Betrachtungsweise, eines aktiven Verhältnisses zur Welt”; Földenyi). Bekannt ist dieses ‘Dilemma’ aus der Journalistik, wo es als Trennung von Sachinformation und Kommentar, Hintergrund,… ‘gelöst’ wird). Damit (Neu-)Wissen gelingt, sind —generell und jeweils speziell— einige Bedingungen notwendig. Bedingungen der Verständlichkeit, die in die Darstellung selbst eingebracht und mitreflektiert werden müssen: teilweise als implizite Merkmale, zum anderen Teil als explizite ‘Formulierungen’ (sprachliche und/oder symbolisch-bildliche Teildarstellungen). Wesentliche Grundlage dafür ist die allgemeine Kompetenz des ‘Bilderlesens’; eine besondere ‘Kulturtechnik’, die Vor- und Weltwissen ebenso einschließt wie Symbolerkennung und mediale Formatierung und die Fähigkeit der Wissens-Wert-Auswahl (”Wissensmanagement bzw. knowledge-designing”). Speziell für Infografiken –neben deren selbständiger und/oder textergänzender Funktion, die semiotisch-mediale Komplexität im Zusammenwirken– ist das eine (paradigmatische) semiologische Bildgrammatik, von der aus bildmediales Verstehen gelingt. Dabei müssen auch semiotisches und technisches Medium analytisch getrennt wie auch synthetisiert werden (”Qualität”). Exemplarisch dafür ist das Lesen/ Verstehen von Atlanten, Stadtplänen etc.
Eine besondere Position des Themas, schließlich, erhält der ‘Kreuzungspunkt’ von Sprache-Wissen-(Ver)bild(lichung) (s.dazu auch: Verbildlichung und SPRACHE). Weil –offensichtlich– dazu ein passender Begriff im Rahmen einer (allgemeinen) Wissenstheorie mit semiotisch-medientheoretischer Referenz fehlt (am zweckmäßigsten erscheint bisher trotz plurivalenter Verwendungsmodi und dem linguistischen Code/Kode entsprechend Deutung(smuster), oder auch Konzept(ualisierung) der Kognitionswissenschaft), wird dafür immer wieder das Wort Metapher verwendet. Für Nietzsche ist die “Armee von Metaphern, Metonymen, Anthropomorphismen” gar “das Wesentliche an unserem Denken”, womit auch er hartnäckig an der (populären wie philosophischen) Tradition festhält, die Metaphorik (metaphorisierende Redeweise) als “bildliches Denken” (”figurative meaning”) versteht. (Zu den definitorischen wie sachlichen Problemen dazu s.: >>Met.th.<<)

Abstract: Pictorial Knowledge-Representation
Pictorial resp. graphical representations are specific methods of knowledge-representation. Their, mostly, graphical depiction of data, facts, and the connections interrelate the (terminological-based) linguistic experiences and knowledge to the patterns of ‘reading’ pictures.

Literaturauswahl
Cleveland, William 1993: Visualizing Data. N.Jersey/Murray Hill
Hubig, C.(Hg) 2000: Unterwegs zur Wissensgesellschaft. Berlin/Sigma
Földenyi, László 2002: Abschied von der Bildung. In “Kafka 7″, hg. von Goethe- Institut, Bonn
Knorr-Cetina, Karin 1984: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft. Frankfurt/Suhrkamp (orig. amerik. 1981
Nowotny, Helga 1990: In Search of Usable Knowledge. Frankfurt, Westview/ Campus
Weidenmann, Bernd 1994: Wissenserwerb mit Bildern. Bern-Göttingen/Huber

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