+ Sprache und Verbildlichung

Kurztext:

Bildlichkeit und Sprachlichkeit sind die quasi ‘beiden Seiten der Münze’ im gemeinsamen medialen ‘Raum’ von Wissens- bzw. Informationsrepräsentation und -distribution: Ihrer jeweiligen medialen Spezifik entsprechend und ohne voneinander unabhängig zu sein, haben diese beiden (Zeichen-) Systeme ihren jeweils eigenen Fokus in der Zielsetzung; im Bild die unmittelbare (und übersichtliche) ‘Anschaulichkeit‘ mit -mehr oder weniger- ‘offener’ Interpretation und die Sprache als deutlich präziseres begriffliches Vokabular (”Terme”) und linear-textueller Argumentationsweise. Bildstatistiken sind in diesem ‘zweidimensionalen’ Rahmen eine Möglichkeit, die aus der Sprache (bzw. der Logik) kommende Exaktheit mit der Übersichtlichkeit des Bildlichen zu verbinden.

VERBILDLICHUNG UND SPRACHE

Obschon nach deren jeweils eigenen Medialität wesentlich getrennt, sind dennoch Sprachlichkeit und Bildlichkeit als kulturelle Modi symbolischen Handelns mehrfach miteinander verknüpft: Ergänzend, wie –alltäglich zu merken– am TV-Schirm, im Kino, auf Werbeplakaten etc. Als (wechselweise) Substitution mentaler Arbeit im (von Linguistik und Kognitionswissenschaft nicht unbedingt akzeptierten) sehr allgemeinen Verständnis der sprachlichen Metaphorik als ein ‘Denken in Bildern’ (Metaphorik). Als medial-hybrides Kunstwerk in der Textkollage oder im ‘Künstlerbuch’, das Bildnerisches und Textuelles integral vereinigt, ebenso wie die künstlerisch-bildnerische Gestaltung von Suren zur ‘Dekoration’ der Moscheen. Auch ist daran zu denken, dass meist das Bild durch einen Titel ‘benannt’ oder einen Begleittext (Bildlegende) als Ekphrase beschrieben wird und auch fast immer der Name der/s Schöpferin/s untrennbar mit ihm verbunden ist. Ohne die traditionelle medientypologische Zeichenformatierung zu ‘überwinden’, zeigt sich, dass hypertextuell in den ‘Netzsprachen’ (Suchmaschinen, Chatforen…) tendenziell die sprachliche Linearität (Sequenzialität) transformiert wird. ‘Klassische’, textgrammatisch begründete, Diskursivität wird ähnlich der bildlichen, räumlich orientierten, strukturiert.
Eine weitere Facette der Beziehung von Sprache/ Text und Bild ist die Verbildlichung wissenschaftlicher Kenntnisse (Verbildlichte Wissensrepräsentation), z.B. Isobaren in der Meteorologie. Und, nicht zuletzt, wird dieser Zusammenhang auch im Theoretisieren von Bildlichkeit, das ‘Bilderlesen’ ergänzend, dem Sprechen über Bilder, hergestellt.
‘Gemeinsame’ Metatheorie –oder die ‘zusammenfassende’ theoretisch formulierte Basis– der kulturellen Äußerungen ist die Semiotik. Als generelle Theorie der Zeichen und Bezeichnung gelingt damit die Beschreibung und Erklärung spezieller Verständigungsmuster in der Vermittlung und Verwendung (Herstellung, Austäusche, Interpretationen) von Zeichen und Zeichenstrukturen in den kulturellen Kontexten. Soweit dabei neben allgemeinen Theorien der Kommunikation, Information und Kognition auch auf die Medienspezifika referiert wird, sind die typischen Differenzen der Narrativität von Text und Bild (was Bilder ‘erzählen’), dem Wissen (als das ‘Begriff’ene) und der Wissensstrukturen etc. darzustellen. Dass dabei ‘praktisch’ auch akademische Disziplinarität (Wissenschaftlichkeit) wirkt –neben historischen Entwicklungen (=>sp Geschichte der Infografik) und gesellschaftspolitischen Prägungen– ist evident.
Eine bemerkenswerte Verknüpfung von Sprachlichkeit und Bildlichkeit entwickelte OTTO NEURATH mit der ‘International Picture Language/ Internationale Bildersprache’ (1936). Sie ist die formale Grundlage für das ISOTYPE (International System Of Typographic Picture Education)- System, einer elaborierten Form der Bildstatistik (Infografik und Bildstatistik) (, =>sp Isotype), die im Zentrum seiner –internationalen– Bildpädagogik steht und dem Credo folgt ‘Was man durch ein Bild zeigen kann, soll man nicht mit Worten sagen’. Methodologisch nach der strukturalistischen Semiotik besteht diese Bild(er)sprache aus einer (endlichen) Menge von Bildsymbolen, den “Piktogrammen” als “visuelle Einheiten” mit eindeutiger Referenz, entsprechend dem Wörterbuch (”Isotypelexikon”). Die Einzel’elemente’ können durch (ideo-) grafische Veränderungen attribuisiert und nach einer visuellen ‘Grammatik’ (syntagmatisch/ paradigmatisch) so miteinander verknüpft werden, dass damit Quasi-Sätze entstehen, d.h. verbildlichte Aussagen. Etabliert wird so mit der ‘Piktogrammatik’ eine Systematik von ‘lesbaren’ Symbolen, aus der unter Einbeziehung der Linearität der schriftlichen Lesegewohnheit (von links oben nach rechts unten) ganze ‘Texte’ gebildet werden. Somit, insgesamt, über ISOTYPE eine semantische Äquivalenz von Bildlichkeit und Wort/ Text hergestellt wird (s.dazu: Isotype-Sprache ( … ); s.auch: Infografik und Bildstatistik ( )).

A b s t r a c t: Graphic-pictorial visualizations and the linguistic-grammatical statements belonging together (as two possible modes) in the frame of knowledge-/ information-representations. Their own respective media-specifical attributes enable a different ‘reading’ of the represented facts: The visualization gives a ‘total’ overview and is allowing potentially an open interpretation; the linear orientated linguistic argumentation is bringing a precision by the (more) exact terminology. The usual and well-known application of statistical charts is linking the property of the overview with the formal precision coming from the terminology.

Literaturauswahl
Bühler, Karl. Sprachtheorie. Die Darstellungsform der Sprache. Stutthart 1992 (orig. Wien 1934)
Eco, Umberto. Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt 1977
Glucksberg, Sam. Understanding Figurative Language: From Metaphors to Idioms. Cambridge 2001
Jakobson, Roman. Metaphor and Metonomy. TheHague 1956. 
Morris, Charles W. Grundlagen der Zeichentheorie. München 1972. 
Neurath, Otto. Internationale Bildersprache. In: Gesammelte bildpädagogische Schriften. Hg.: R. Haller u. R. Kinross. Wien 1991. 
Peirce, Charles S. Phänomen und Logik des Zeichens. Frankfurt 1983. Stöckl, H. Finanzen visualisieren. In: OBST 81, 2012; Univ.vlg Rhein-Ruhr, Duisburg (
www.linse.uni-due.de)

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