+ Die Qualitätsfrage

dr. peter bettelheim

DIE QUALITÄT VON BILDSTATISTIKEN UND INFOGRAFIKEN
Kurzfassung: Die Qualität von Info(rmations)grafiken bzw. Bildstatistiken speziell, soweit sie ihre Funktion als eigenständige Medienformen wirken wollen / sollen, wird wesentlich bestimmt vom gelungenen Zusammenwirken der drei “Dimensionen infografischer Darstellung” (s.dazu: => sp Infografik und Bildstatistik). Eine besondere Relevanz erhält dabei die Frage der “Wissenschaftlichkeit” in bildstatistischen Darstellungen wie z.B. dem ISOTYPE-System (s.dazu => sp Wissenschaftlichkeit u. sp=> ISOTYPE)

Trotz der laufend (nicht nur digitaltechnisch basierten) neuen, verbesserten und einfacher zu gestaltenden grafischen Möglichkeiten der Herstellung —womit sich auch potenziell die Variationsbreite der Darstellungen erhöht— von Infografiken und Bildstatistiken, werden sozialwissenschaftliche Daten meist nur als traditionelle Bildstatistiken (in Form von ‘Tortenstücken’, Balkendiagrammen etc.) ‘übersetzt’. Als ‘Blickfang’ oft nur einen Text illustrierend, leisten sie im besten Fall einen raschen Überblick. Auch wenn dieser funktionale Aspekt keineswegs zu unterschätzen ist, entsprechen derart simple Gestaltungen der spezifischen Medialität (im Rahmen der allgemeinen Geschichte der Bildlichkeit und der kulturellen Techniken) nur unzureichend; insbesondere unter einer verstärkten Beachtung der Beziehungen von Verbildlichung und Wissen. Somit sind die Fragen der medialen Qualität unter zweifacher Perspektive zu sehen: Zum einen in der ‘besonderen’ medialen Charakteristik (den ikonografisch-symbolischen Darstellungen) auf Basis der “Substrat-Form”-Relationen (Habermas) -und/oder der “studium und punctum”-Unterscheidung (Barthes) in der Wahrnehmung- als ‘ästhetische Koordinaten’, die die mediale ‘Differenz’ von Bild, Text und Infografik begründet. Zum anderen die im alltagssprachlich als quantifizierende ‘Güte’ verstandene Qualitätsbestimmung: Bestimmt durch die in den —jeweils spezifischen— kommunikativen Vermittlungen involvierte ‘doppelte’ Codierung von Kontext, Zeichenrepertoire, Technik/ Technologie und (Vor-) Wissen.
Geprägt von der strukturalistischen Zeichentheorie (insbesonders von Chalrles W. Morris) hat Otto Neurath (gemeinsam mit anderen, vor allem mit Gerd Arntz und Marie Reidemeister-Neurath) das semiotisch fundierte (und heute nahezu vergessene) ISOTYPE-System der Bildstatistik entwickelt, dessen Darstellungs-Qualität sich auf 4 Faktoren begründet :
• (1) Ein axiomatisch und grammatisch begründetes Zeichenprinzip (in Analogie zur Sprache): Semantisch erkennbare Bild-Zeichensymbole (”Piktogramme”) als ‘Bild-Wörter-Buch’, die miteinander verknüpft werden können und so verbildlichte Aussagen (also Quasi-Sätze) ergeben.
• (2) Abzählbare Bildmengen, was die quantifizierende Vergleichbarkeit erleichtert. (Integration der Aspekte gewohnter physiologischer Wahrnehmung und Erkennbarkeit)
• (3) Die Vermittlung von Sachverhalten: “Bildstatistiken sind Tatsachenmengen”. (Aufklärungsintention)
• (4) Ein 4-stufiger Herstellungsprozess, aus dem die —zusammen führende— Realisierung der drei ‘Prinzipien’ gelingt und so erst qualitästsvolle Bilstatistiken entstehen:
Ausgehend von den statistischen Daten werden ergänzende Materialien zum Thema bearbeitet; die zweite Stufe (”Transformationsphase”) der Entwicklung ist das Herausarbeiten der wesentlichen Informationen. Dritte, die ‘eigentliche’ grafische Phase, in der die adäquaten Symbole entworfen werden. Letzter Schritt: die grafische Umsetzung und kontextuelle Anordnung.
Insgesamt entsteht so die ‘besondere’ qualitätsvolle Ästhetik aus einer ‘Interdisziplinarität’ von Wissenschaftlichkeit, Pädagogik und künstlerischer ‘Fertigung’ (s.dazu: =>sp Ethik u Ästh).

Abstract:
Abstract: Infographics and pictorial statistics (diagramatic graphics) should be more than “eye-catchers”. These pictorial-visual media therefore must include the dimension of quality in the representation of facts, data (basically depending by the “3 dimensions of infographical representations. see: =>sp Infografik u Bildstatistik): Beside the relevant semiotic-symbolical basics, esthetical and other aspects also must be connected with the aspect of the scientific relation of representation with the represented ‘object’ (statistical data…) to intend understanding the visualization.

Literaturauswahl
Ebeling Werner u.a.: Komplexe Strukturen- Entropie und Information. Stuttgart 1998.
Habermas Jürgen: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 
Jung Werner: Von der Mimesis zur Simulation. Einführung in die Geschichte der Ästhetik. Hamburg 1995.
Neurath Otto. Gesundheitserziehung mit Isotype. In: Gesammelte bildpädagogische Schriften. Hg.: R. Haller u. R. Kinross. Wien 1991
Tufte Edward R.: The Visual Display of Quantitative Information. Cheshire 1985
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