+ Metaphorik in Wissenschaftssprachen

Aspekte zur Analyse von Metaphorik in Wissenschaftssprachen

0) Eine Vorbemerkung.
Wissenschaftliche Sprache ist eng verknüpft mit dem ‘Problem‘ der wissenschaftsdisziplinären / ‘akademischen’ Trennungen der voneinander; traditionell oft auch mit „Zwei Wissenschaftskulturen“ (C.P. Snow) beschrieben und damit insbesondere die (bis in die Methodologie reichende) Differenz von Natur- und Geisteswissenschaften gemeint. Genesis und Geltung metaphorischer Sprachpragmatik in den Wissenschaften ist damit in diesem Zusammenhang zu verstehen.

I) Zu den wissenschaftstheoretischen u. sprachphilosophischen Voraussetzungen:

Historisch reicht Metaphernanalyse zurück bis in die griechische Antike; Aristoteles reflektiert systematisch den Metapherngebrauch als Moment der Rhetorik (öffentliche Reden). Bis heute ist in der Rhetorikforschung “Metapher” (”metaphorische Redeweisen”) wichtiges Untersuchungsobjekt.

Methodologisch steht Metaphernanalyse in der Tradition (’abendländischer’) wissenschaftlicher Rationalität: Primäres Erklärungsmuster ist der logos (die grammatische, logische Sprache: Aussagen) mit den Normen von Verallgemeinerung, Systematisierung etc. Mit der Zielsetzung der Erklärung von einzelnen Phänomenen in verallgemeinertem Zusammenhang (Theorie); damit gleichzeitig auch empirische Überprüfung der Theorie.

Aktuell: Mit dem zeichenkonventionellen Paradigma (Semiologie) wird Sprachwissenschaft Teil der allgemeinen Zeichentheorie; die Sprachzeichen werden — damit Verständigung erfolgreich gelingen kann— als konventionalisierte Zeichen gesehen (somit auch Einbeziehung des Handlungsaspekts).

Mit dieser semiotischen Wende formuliert die Sprachwissenschaft ihre Abgrenzung zur (’klassischen’) Sprachphilosophie (die nach dem ‘Wesen’ der Erscheinung fragt), sie definiert ihren eigenen Gegenstand und spezifisch wissenschaftliche Methode. Zugleich, allerdings, ist das Phänomen der Metaphorik in der Wissenschaftssprache ein (empirisches) Indiz für die (faktische) ‘Unmöglichkeit’ Cartesianischer Wissenschaftlichkeit und legitimiert somit die Notwendigkeit des enzyklopädischen Wissenschaftsverständnisses.

II) Einige grundlegende Bemerkungen zum Thema:

Hinweis zur Geschichte der Metaphernforschung: Klassisch ist Metaphorik eine Eigenschaft der Wörter, eine Semantikfrage; seit ca. 50 Jahren Thema der Satzgrammatik u. der Pragmatik; aktuell: Hervorhebung der konzeptiven/ kognitiven Eigenschaften (Herstellung von Sinn, Betonung der Kreativitätsaspekte etc.).

Aus Zeichenparadigma und strukturalistischer Methodologie folgt, dass es keine Metapher per se gibt. Die Quasi-Ausnahme sind “lexikalisierte Metaphern”: eigentlich/ursprünglich metaphorische Ausdrücke, die ‘nur’ ihre eigene kontextuelle Bedeutung haben, also definiert (und somit Begriffe ) sind; etwa: Hauptquartier, kopflos… Die Entscheidung, ob ein Wort metaphorische Trägerfunktion (Referenz) hat, ist nur im kontextuellen und textuellen Zusammenhang zu treffen. Das Wort “Statthalter” hat seine Kernbedeutung in der Politik bzw. politischen Historiografie; in dem Satz Die Kunst ist der Statthalter der Utopie (Walter Benjamin) hat es diese Funktion, indem es zugleich auch auf das ‘Andere’, das Politische, verweist.

Aus der Idee (’Vorstellung’), dass sprachlich immer nur mentale ‘Bilder’ ausgedrückt werden, folgt in inkonsequenter Weise, dass Sprache (d.h. deren Semantik) grundsätzlich metaphorisch sei. Wissenschaftsanalytisch ist ein solches Paradigma nicht haltbar; was, nämlich, wäre nicht-metaphorische Sprache und wie wäre Metaphorik sprachimmanent erkennbar?

Wissenschaftssprache ist der notwendige Versuch, die Sprache auf der Ausdrucksebene ‘genauer’ zu machen; d.h. eine spezifische Begrifflichkeit zu etablieren, um so unmissverständlichen Diskurs zu ermöglichen (”begreifen” ist damit: “auf den Begriff bringen”). Metaphern werden deshalb in der Sprach- und Wissenschaftsphilosophie (seit Descartes und Kant, insbesonders mit der Frege’schen Semantik) zurückgewiesen; bzw. sind sie wegen ihres Status’ von norm-abweichenden Ausdrucksformen —und damit als Irrtum wissenschaftlichen Denkens, als (noch) nicht konsolidierte Terminologie— verpönt. Obwohl in der Sprachpraxis als durchaus reizvoll angesehen, gilt Metaphorik unter der Bedingung logisch-semantisch geprägter Sprachmodelle als grundsätzlich unpassende Sprachverwendung. Aber neben der Möglichkeiten, Sachverhalte variabel beschreiben statt wissenschaftlich (also, begrifflich) benennen zu können, ist metaphorische Darstellung oft die einzige Form, noch nicht ‘klare’ Verhältnisse zu thematisieren (methodisch ein heuristisches Verfahren, so etwas wie ein sprachliches ‘Experiment’, bei dem etwas in Worte ‘gefaßt’, erfaßt wird, wofür es, noch? keinen ‘passenden’ Begriff gibt; “metaphorische Sinnschöpfung”, die ‘Neubeschreibung’ durch einen Rückbezug auf ‘Bekanntes).
Je höher der Anspruch nach methodischer Exaktheit, desto eindeutiger wird die Terminologie; Sprache wird Ausdrucksmittel für die Präzision (deutlichstes Beispiel: Mathematik u. Logik). Schließlich fungiert die jeweils ‘eigene’ Begrifflichkeit zur gegenseitigen disziplinären Unterscheidung.

III) Wissenschaftliche Metaphorik unter dem “Transformationsparadigma”

Einige Theorien zur Metaphorik interpretieren diese als “Übertragung des Sinns einer Aussage von einem Bedeutungsfeld in ein anderes”; d. h. indem ein Vergleich hergestellt wird, was durch die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes geschieht (deswegen auch “Substitutionstheorie” genannt). Etwa wenn “Lasst Bilder sprechen” gesagt wird, wobei eine mediale ‘Kongruenz’ bzw. eine strukturelle Ähnlichkeit angesprochen wird.

Von diesem Paradigma ausgehend, sind drei Muster metaphorischer Verwendung in Wissenschaften üblich:
a) Der Rückgriff auf Ausdrücke (in Worte gefasste Erfahrungen) der Alltagssprache (aktuelle Beispiele aus der Informationstechnik: “Infonetz, Datenhighway”).
b) Die Umkehrung: Die Alltagssprache verwendet wissenschaftliche Termini; etwa der bekannte “Quantensprung”.
c) Die ‘interdisziplinäre’ Referenz auf Begriffe anderer Wissenschaften.
Zu kritisieren ist dabei die weitgehend (oben angesprochene) unpräzise und unreflektierte Begrifflichkeit; demgegenüber steht etwa Bourdieus Weg: Die Übernahme und kontextadäquate ‘Neudefinition’ von ökonomischen Termini für die Soziologie; “Sozialkapital” als Handlungsressourcen, “Kulturkapital” als Wissen, “symbolisches Kapital” als wesentliches Distinktionsmerkmal (bzw. -potenzial).

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