Janusköpfige Metropole

- Zur Geistesgegenwart Wiener Wissenskultur.

Anthologie. Sonderzahl Verlag, Wien.: www.sonderzahl.at



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Marie Jahoda und Philipp Frank, Erwin Schrödinger und Eugenie Schwarzwald, Marietta Blau und Robert Musil…; ein paar Namen von Menschen jener ’Familie’, die das intellektuelle Milieu Wiens der letzten gut 100 Jahre unterschiedlich und entscheidend mitgestaltet haben. Wissenschaftliches Denken (Theorien, Methoden,…) und die Themen bzw. Formen des Künstlerischen (Literatur, Architektur,…) präg(t)en die spezifische ’Atmosphäre’ der Stadt; die intellektuellen Energien des homo urbanus erectus, wie es Bogdanovic, dieser Philosoph des Städtischen (in Die Stadt der Zukunft) genannt hat.

Die Anthologie zeigt exemplarisch am ’Fall’ Wien die theoretischen Potenzen und Innovationen verschiedener wissenschaftlicher ’Disziplinen’ (Philosophie, Mathematik, Soziologie…) und –’spiegelbildlich’– die kreativen künstlerischen oder journalistischen Bearbeitungen (Carl Djerassi hat dieses literarische Genre  science-in-fiction genannt, dabei v. allem die Naturwissenschaft gemeint). Die so gebildeten wechselseitigen Beeinflussungen formieren die über das (jeweils) Bestehende hinausweisenden ’Weltauffassungen’. Hier, in der zwiespältigen Metropole Wien, war ein Brennpunkt dafür die Auseinandersetzung um das Sprachliche von Erkenntnis und Kultur. Für die 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts – oft das „goldene Zeitalter“ Wiens genannt – war das eine Kultur des Widerspruchs, wurde zu einem Kampf um die gesellschaftlichen Verkehrsformen auf den ’Feldern’ des öffentlichen wie privaten Lebens.

Trotz des katastrophalen Zusammenbruchs 1934 bzw.1938 wirkt derartiges (Nach-)Denken bis heute, als nach Krieg und Shoa  –unter anderen Bedingungen– daran angeknüpft wurde. Über Wien hinausweisend, zeigt dieses historische Beispiel zugleich das “Doppel-Gesicht” jeder kulturellen Metropole: In ihrer konfliktreichen ‘Aufladung‘ von offener und anregender Modernisierungsdynamik die auf tradierte ‘monadische‘ Beharrung trifft, und derart kulturelle Innovationen ermöglicht.

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